Magna Mater Austriae

Im Herzen der Steiermark, am Fuße der malerischen Ostalpen, verbirgt sich ein Ort, der seit Jahrhunderten Scharen von Pilgern und Reisenden anzieht – das Heiligtum der Muttergottes in Mariazell. Hier befindet sich die wundertätige Figur, bekannt als Magna Mater Austriae, die Große Mutter Österreichs, aber auch als Mutter der slawischen Völker und Große Frau der Ungarn. Vor ihrem Bild knien gläubig Menschen aus Österreich, Ungarn, Polen, Böhmen und Mähren. Mariazell ist für die Österreicher und ihre Nachbarn das, was Jasna Góra für die Polen und Fátima für die Portugiesen ist – ein nationales Heiligtum. In früheren Zeiten war Mariazell eine Station auf dem Weg der Pilger nach Rom oder Santiago de Compostela, heute ist es ein Ziel an sich.

Die Basilika zur Geburt Mariens in Mariazell beeindruckt vom ersten Augenblick an. Beim Betreten zieht die Gnadenkapelle mit dem Gnadenaltar den Blick auf sich – ein kleines Heiligtum im Zentrum, zwischen dem gotischen und dem barocken Teil der Kirche. Dort verbirgt sich die wundertätige, romanische Figur Marias mit dem Jesuskind, geschnitzt aus Lindenholz. Obwohl sie nur 47 Zentimeter hoch ist, zieht sie seit Jahrhunderten die Herzen und die Aufmerksamkeit der Pilger auf sich. Maria hält liebevoll den kleinen Jesus auf ihrem Schoß, der in seinen Händen einen Apfel und eine Feige trägt – Symbole des Heils der Menschheit. Die Gesichter von Mutter und Kind sind unversehrt geblieben, und die Hüter des Heiligtums betonen, dass sie über die Jahrhunderte hinweg nicht einmal Staub angesetzt haben.

Nicht unerwähnt bleiben darf die reiche Tradition, die mit diesem Gnadenbild verbunden ist. Seit Jahrhunderten wird die Figur in kostbare, bestickte Gewänder gekleidet. Im Schatzhaus werden über 150 solcher Kleider aufbewahrt – mit Goldfäden bestickt, mit Perlen verziert, oft als Votivgaben des Dankes gestiftet. Einige wurden sogar aus Brautkleidern gefertigt, andere von gekrönten Häuptern gestiftet. Kaiserin Maria Theresia ließ für die Gottesmutter ein silbernes Kleid anfertigen, ein Meisterwerk der Juwelierkunst, das bis heute Bewunderung hervorruft. Das Ankleiden der Figur gilt als große Ehre, und diese Tradition wurde im 18. und 19. Jahrhundert unter Kaiser Franz erneuert.

Im Alltag ist die Figur stets in eines dieser prächtigen Gewänder gekleidet. Nur wenige Male im Jahr – am Karfreitag, am Fest der Geburt Mariens am 8. September und am 21. Dezember, dem Gründungstag des Heiligtums – machen die Hüter eine Ausnahme. Dann dürfen die Gläubigen die Statue in ihrer ursprünglichen, schlichten Form sehen. Besonders bewegend ist für viele Pilger das Kleid, das mit den Wappen verschiedener Nationen bestickt ist – neben dem österreichischen Adler und dem ungarischen Doppelkreuz sind dort auch der polnische Weiße Adler sowie die Zeichen Böhmens und Mährens zu sehen. Es ist ein wahres Symbol der Einheit der Völker.

Die Geschichte von Mariazell reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Der Überlieferung nach begann die Geschichte des Ortes am 21. Dezember 1157, als der Mönch Magnus hier eine Marienfigur aufstellte. Später, im 14. Jahrhundert, ließ König Ludwig von Ungarn – Herrscher sowohl Ungarns als auch Polens und Vater der Königin Hedwig – als Dank für den Sieg in den Türkenkriegen eine gotische Kirche errichten. Diese Ereignisse, ebenso wie die wundersame Heilung der Königin Kunigunde, fanden Eingang in die Ikonographie des Heiligtums und sind auf den Reliefs über dem Eingang zur Basilika dargestellt.

Seit Jahrhunderten pilgern Gläubige verschiedener Nationen und Sprachen nach Mariazell. Maria von Mariazell wird „Licht der Blinden, Sprache der Stummen, Trost der Betrübten und Hoffnung der Büßenden“ genannt. Ihre Gegenwart macht nationale und kulturelle Grenzen bedeutungslos. Kein Wunder also, dass dieser Ort als geistiger Vorläufer eines vereinten Europas gilt – hier vereinten sich die Völker lange, bevor die Idee der europäischen Einheit entstand.

Heute zieht Mariazell, das nur etwa zweitausend Einwohner zählt, jährlich über eine Million Pilger und Besucher an. Auch die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. kamen hierher, um wie Millionen Gläubige vor der Muttergottes zu knien und ihr ihre Gebete anzuvertrauen.

Diese kleine Figur, schlicht und zugleich voller Würde, vereint seit Jahrhunderten Menschen unterschiedlicher Sprachen, Nationen und Leidenschaften. Darin liegt das Geheimnis von Mariazell – ein Ort, an dem man nicht nur die Schönheit von Kunst und Geschichte entdeckt, sondern auch die Kraft des gemeinsamen Gebets und die Erfahrung der fürsorglichen Nähe einer Mutter.

 

 

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